Jul

29

Für Anfänger: Hier geht’s zum Grundkurs.

Nach dem grossen Fressen sitzen alle im Hinterhof, wo ein kleines Lüftchen weht. Die Bäuche sind dick und frei. Es ist 18 Uhr. Seit heute morgen hat sich die Festgemeinschaft diesen Moment herbeigesehnt. Nun ist er da, nach sechs Stunden permanenter Beschallung aus drei Festsälen. Jeder der Säle passend zum Sakrament geschmückt, getrennt durch einen unterkühlten Flur, den sie sich teilen, Familie Mascolo von der Erstkommunion (ein Zauberer mit übersteuertem Mikrofon), Familie Constantano von der Hochzeit (eine Band mit Sängerin, sang wie Laura, sah aber nicht so aus und es tanzte noch niemand, schon lange noch niemand) und Familie Dantuono von der Taufe (da war es am lautesten, deswegen wahrscheinlich Alleinunterhalter mit Keyboard, man verstand ihn nicht richtig, weil er das Mikrofon wohl immer ganz in den Mund nahm, auf jeden Fall plapperte er in jeden Instrumentalteil hinein und die Leute klatschten immer wieder).

Aber jetzt ist es ganz ruhig, im Hinterhof, wo ein Lüftchen weht. In der Stille rieche ich jeden der sieben Gänge nochmals, oder vielleicht zum ersten mal. Und die Knöpfe und Reissverschlüsse sind wieder offen, die Atmung hat sich normalisiert. Alle sind da, wo sie sein wollen.

Zio Mario: “Ottavio, ich sitze auf deinem Stuhl.”
Ottavio: “Warum meinst Du?”
Zio Mario: “Hier ist eine Mücke, die herumfliegt und nicht weiss wo sie landen soll.”
Ottavio: “Die bekommt heute nichts zu essen.”
Papa Gianni: “Arme Mücke. Geh hin, Ottavio! Setz dich zu ihr!”
Zio Mario: “Warte, ich bring sie dir.”
Zia Lina: “Ottavio, ein Bierchen?!”
Ottavio: “Nein, Lili, danke!”
Zia Lina: “Milch?”
Ottavio: “Milch? Willst du mich töten? Nein, mit der Milch, das geht nicht, das gibt ein Ungleichgewicht.”

Ich döse ein. Wache wieder auf.

Ottavio: “Ist eigentlich etwas auf diesen CDs drauf, die hier im Baum hängen?”
Zia Lina: “Die brauch ich gegen die Vögel. Ist was drauf, ja, ich glaube auf ein paar CDs ist was drauf. Pausini, Tiziano Ferro. Ich brauche die CDs damit die Vögel die Wäsche nicht schmutzig machen. Sie kommen jetzt nicht mehr.”
Ottavio: “Dafür gibts Mücken.”
Zia Lina: “Ja, aber die Vögel würden dir jetzt auf den Kopf scheissen.”

Noch einen Schluck Coca Cola aus der 2-Liter-Flasche. Ich geh duschen. Unterwegs begegnet mir dieses Bild. Ich nenne es “The Party is over” weils passt:

Napoli

Mar

20

Gestern Abend im Opernhaus habe ich den Weg vom WC im UG durch das Foyer bis nach draussen auf den Vorplatz mit offenem Hosenladen zurückgelegt. Sowas absichtlich zu machen, braucht Mut. Den brauch ich zum Glück nicht, mir passiert sowas auch unabsichtlich. Es war fünf vor Beginn und das Haus zum bersten voll. Zum Glück hatte ich die Hände nicht in den Hosentaschen sonst hätte ich den Stoff in die Breite gezogen und einen schönen weissen Rombus in meinen Schritt gezaubert. Ich glaub also nicht, dass es jemand gesehen hat. Obwohl draussen hab ich dann den Hosenladen noch einmal aufgemacht um zu schauen wie deutlich das zu erkennen ist. Da kam ein Penner vom Stadelhofen her. Er sah ganz sympathisch aus, ging langsam mit der ausgestreckten hohlen Hand über den Platz. Einer reizenden Dame, sie war etwas älter und am schlottern im Pelz, war das unangenehm. Sie schlenderte von ihm weg, ganz langsam, in ihrem Gesicht die blanke Panik. Sie lief in einem sehr unnatürlichen Bogen über den Platz und entschied schliesslich, sich beim Perversling zu verstecken, der an seinen Hosen rumspielt, weg vom Mann mit der hohlen Hand. Da wusste ich, dass ich mir um sie keine Sorgen machen muss. Die Frau weiss aus langjähriger Erfahrung, wo ihr Geld hingehört.

Feb

18

Araber 2.0

February 18, 2009 | 1 Comment

Heute hab eine E-Mail von einer very social Webseite bekommen, irgendwo warte eine Message auf mich. Und mein Benutzername sei ‘arabbangers’! Ich hab mich ja schon oft auf irgendwelchen Seiten registriert und gewiss habe ich ganz viele Benutzernamen wieder vergessen, aber ‘arabbangers’? Das kann ja wohl nur ein Witz sein! Das ist nicht abwertend gemeint. Meine nicht, dass es ein Witz wäre, wenn jetzt jemand wirklich auf arabbanging stünde. Ich finde arabbanging total ok, es gibt ja Internetseiten wo man sich ruhig so nennen darf, wo das quasi hingehört und angebracht ist! Wirklich. Ich glaube nur ich hätte das ein bisschen offener formuliert. Grenzt die Zielgruppe ja schon sehr ein. Und ich finde den Plural hier etwas unglücklich. Arabbangers, als ob ich Kopf einer Arabbangergroup wäre. ‘Bangen’ ist ebenfalls kritisch. Nicht, dass man nicht auch mal bangen kann, aber bangen ist ja eine sehr spezifische Absichtserklärung, das löst Erwartungen aus. Ich würde nie ‘bangen’ schreiben, weil das bringt nur Leistungsdruck. Den Bang muss man dann auch bringen. Und gerade wenn man Arabs anspricht, sollte man die Versprechungen halten können. Ich hoffe es versteht mich jetzt wirklich niemand falsch. Das sind einfach so Überlegungen, die ich jemandem mitgeben würde, der so einen Namen wählt. Aber jemand, der im Internet ‘arabbangers’ heisst, fragt mich ja auch nicht. Nochmals: Bitte nicht falsch verstehen. 50 Prozent meiner Freunde sind potentielle Arabbangers, aber sie würden nie fragen, wie ich ihren Nickname finde. Obwohl es ja eigentlich wichtig ist. Man muss sich gut verkaufen. Besonders im Netz. Weil was mal ins Netz gelangt ist, bleibt im Netz, und dann hast du’s nicht mehr unter Kontro…
Oh shit.

Jan

15

Familie Bentley

January 15, 2009 | 1 Comment

ca_haymaker_family

Niemals hätte ich gedacht, dass es auch meine Familie treffen könnte. Mir war schon bewusst, dass die Stellen im Investment Banking nicht mehr sicher sind, aber nun entlässt Manu’s Bank ebenfalls im grossen Stil. Ui! Die Stimmung in London sei schlecht, sagt er. Anscheinend aber nicht so schlecht, dass der Investment-Geist und der Sinn fürs Wesentliche ganz gebrochen wurden: “Machst du dir sorgen?”, hab ich gefragt. Die Antwort: “Es gibt in London mehr als 100 Bentley Continentals als Occassionen für weniger als 50k!”. So ganz auf dem Boden ist man noch nicht. Aber schon tragisch: Gestern noch mit dem Bentley zur Arbeit gefahren und heute genötigt, das Schloss zum Preis eines gepimten Minis zu verkaufen! Wir haben uns jetzt aber doch gegen einen Occassion-Bentley für “50k” entschieden, weil wir uns den Fahrer dazu sowieso nicht leisten können. Obwohl mich die Reaktion meiner Mutter interessiert hätte. Sie hätte schon nie gedacht, dass ihrer Familie je ein Investment Banker passieren könnte, geschweige denn ein Bentley. Sie kommt jetzt öfters im Blog vor, weil die Familie ja überhaupt wieder wichtiger wird und ich sicher sein will, dass alles ausgesprochen ist, bevor ich wieder zuhause einziehe.

Für Fragen zu den Finanzen wendet sich meine Mutter übrigens vertrauensvoll an Manu. Mir traut sie nicht. Eine typische Sonntag Abend Frage ist: “Du und die Finanzen, sag mal, kommt ihr durch?”. Worauf Manu diplomatisch mit “Es sind harte Zeiten für alle…”. Dann lacht meine Mutter und verdreht die Augen. “Aber die Steuern kann er zahlen?”. Manu: “Wir arbeiten an einer Lösung.” Worauf meine Mutter “Nei! Bueb!” jault und “Claude! Manu gibt höchst beunruhigende Antworten!”. Worauf ich antworte: “Mach dir keine Sorgen. Zwischen den Zeilen klingt er immer nach Armageddon.” Manu wiegt sich in unbändiger Freude über die erreichte Verunsicherung, dann schnaufen alle auf. Bis auf mein Vater, der mir wenige Augenblicke später anbietet, nächste Woche mal am Abend nach Brugg zu kommen, damit wir zusammen einen Wintermantel kaufen können. Er hat auch ein Gespür fürs Wesentliche.

Nov

20

Sicher schon gehört oder gesagt: “Ich halte es da mit Churchill: No sports.” Den kann man zwar noch bringen, wenn man will, aber echte Heiterkeit bringt man mit diesem Spruch in keine Runde mehr. Ich schau dann immer sofort betreten auf den Boden. Man kann mich mit sowas wirklich aus einem Gespräch hinauskatapultieren: Warum hab ich eigentlich ein Dauerlächeln auf meinem Gesicht? Wenn der sich keine Mühe gibt, warum sollte ich dann das Gespräch am laufen halten? Oder lags an mir? War mein Gegenüber so gelangweilt, dass nur noch die Option übrig blieb, das Gespräch mit einem Churchill-Zitat abzumurksen? Churchill ist ja toll, aber Himmel! Von all den geistreichen Sprüchen! No sports?

Weltmeister im Name dropping ist übrigens meine Mutter. Auf dem Liegestuhl am Strand von Amalfi lag sie, eingeschmiert und mit Sonnenhut. Vor ihr war gerade mein Onkel mit dem Steppenwolf fertig und sichtlich berührt rief er ihr zu: “Ich muss dir wirklich danken, dass du dieses Buch mitgenommen hast. Ich werde dich nachher noch küssen. Ich werde dich küssen wie Yves Saint Laurent seine Models geküsst hat.” Dann stand er auf und legte sich neben Tante Sonja auf das Lettino. “Ich find’s ein bisschen übertrieben, wie ihr zwei so da liegt.”, rief meine Mutter zurück. “Kommt mir vor wie Sarkozy mit seiner Bruni.”

Nov

7

Ist schon komisch. Zwei Beschwerden bekommt der Ombudsmann der SRG wegen einem Haider-Witz bei Giacobbo/Müller und schon landet das in der Sonntagspresse. Es ist ja eigentlich ein Armutszeugnis für eine Satiresendung, wenn ein Witz nur zwei Leute zum Briefe schreiben veranlasst. Immerhin war’s ein Witz über den Tod eines erzkonservativen, bisexuellen Politikers, der betrunken und mit 250 auf dem Tacho in ein Dorf geknallt ist. Da müsste man mehr Leute in Rage bringen können. Nun gut, es gab halt zwei Briefe und die hatten im Gegensatz zum Witz ein respektables Echo. Und irgendwie ist das auch ganz erbaulich. Man hofft ja immer, dass die eigene Meinung auch möglichst zweispaltig publiziert wird, sollte einmal irgendwas oder irgendwer zu einer richtig tollen Meinung anregen. Anderer Leute Meinung in der Zeitung zu lesen macht mir deswegen gar nix aus, selbst wenn ich sie nicht teile. Anderer Leute Meinung ist zu respektieren, auch wenn sie langweilt, was oft der Fall ist. Kein Problem. Is ok.

Ausser… Es gibt da etwas: Gute Kritiken auf schlechte Theater-, Film- oder Musicalproduktionen. Das ist richtig schlimm. Man möchte sofort wahllos Künstler zum Weinen bringen – möglichst vor Publikum. Die Kostüme sind “besonders positiv aufgefallen”? Die Inszenierung “stimmig” oder “clever”? Wem in diesem Raum kam die Idee, diese Leute als “unglaublich talentiert” zu bezeichnen? Haben die nicht hingesehen? Nicht zugehört? Haben die nicht verstanden was da abging? So was darf nicht geschehen! Das sind österreichische Zustände!

Hat eigentlich jemand bemerkt, dass Haider am internationalen Coming-Out-Day starb? Ich weiss das so genau, weil’s mein Geburtstag ist. Zweiteres möchte ich als beliebige Gemeinsamkeit zweier gesellschaftlichen Highlights in der Agenda der zufällig gleichen Subkultur verstanden wissen, Ersteres jedoch scheint mir wichtig. Sehr wichtig. Besonders im Hinblick auf junge, konservative und intolerante Schwule in Österreich wäre es doch dringend nötig, dass eine Alternative zu Haiders Abgang aufgezeigt wird. Stattdessen trauert und salutiert das Land im Stechschritt. Österreich kommt mir manchmal vor wie ein einziger, grosser Darkroom.

(Wenn man gleich beim Eintrag vom 21. Oktober weiterliest, macht das einen wahnsinnig tollen Eindruck.)

Oct

21

Hesseln

October 21, 2008 | 1 Comment

Nur Frankfurt ist schlimmer. In Frankfurt läuft an der Bushaltestelle eine LED-Laufschrift unter dem Fahrplan hindurch: “Zigarettenkippen auf dem Boden kosten Steuergelder und ärgern ihre Mitmenschen.” Wie kann man in so einer Stadt erwarten, freundliche Gesichter zu sehen?
Im D&G-Geschäft schnauzt der Verkäufer plötzlich: “Raus!” – “Wie bitte?” – “Raus, ich muss auf Toilette!”. Und überall hört man Sätze wie: “Ich brauch den Zettel, den Sie mit der Quittung bekommen haben.” oder “Dieser Gutschein ist nur fürs Kaffeehaus gültig, damit kommen Sie nur ins Kaffeehaus, für die Ausstellung ist der nicht gültig, da müssen Sie ganz normal wie jeder andere auch ein Ticket lösen, da kann ich überhaupt gar nichts machen, das ist kein Eintritt, nur ein Kaffeegutschein.” oder “Hier spricht Ihr Fahrer! Für die ganz schlauen da hinten: Den Anweisungen des Personals ist Folge zu leisten, können sie in der Beförderungsverordnung nachlesen!”

Ich habe mich bemüht, nicht in dieses herumgeschnauze einzustimmen, aber im Burger King hab ich dann trotzdem kleinwenig getrotzt. “Können Sie ein bisschen zur Seite treten? Wissen Sie, weil das Problem ist, sie versperren den Weg für den nächsten Kunden! Sehen Sie, da kann sonst niemand mehr durch!” Diese überlange Abhandlung über das Fehlverhalten der Kundin vor mir fand ich schon mal total überflüssig, da kam ich an die Reihe. Sie: “Gegrillt oder frittiert?” – “Gegrillt.” – “Das kostet aber extra!” – “Was? Ich dachte, hier sei alles gratis!” – “Wie bitte?” – “Vergessen Sie’s. Gegrillt, bitte.”

Da klingelt mein Telefon. Manu ist ausser sich: “Du wirst es nicht glauben!”- “Was?” – “Sie haben mir den Strom abgedreht! Ich sitze in der dunklen Wohnung!” – “Warum denn das?” – “Die Idioten haben die Stromrechnungen drei Monate an die falsche Adresse geschickt! Warte, Stephan will mit Dir reden!” Stephan: “Du, Frankfurt ist echt hart getroffen von der Finanzkrise. Jetzt haben Sie Manu den Strom abgestellt. Ich würd mir mal Sorgen um Eure geplante Altersresidenz auf Ko Samui machen! Haha, der dreht völlig durch!” Im Hintergrund Manu: “Ich ruf jetzt da an und wenn die mir dumm kommen und ich nur einmal ein ABER höre, werde ich einfach losbrüllen!”. Ich laufe gerade aus dem Burger King, da bebt Frankfurt und ein schriller Schrei schwingt sich von der Börsenstrasse her über die Zeil bis zur Konstablerwache.

Oct

16

Stabat mater

October 16, 2008 | 1 Comment

Stabat materFelo Severs steht vor seinem Orchester und könnte wieder mal alle Ohrfeigen. “Ihr seid so lausig! So jämmerlich! Du elende… Wenn du wüsstest, wie blöd du aussiehst wenn du in dieses Fagott pfeiffst! Und du! Du langweilst mich so sehr, da zieht’s mir die Schuhe aus! Das ist dein Haar, verdammt noch mal, es muss nicht wie die Pferdesträhnen an deinem Geigenbogen aussehen! Und wenn ich deine Pauke noch einmal höre, schmeiss’ ich dich raus! Ich mein’s ernst! Ich will heute kein einziges Mal mehr deine Pauke hören!” Er reisst den Schlägel aus Paukers Hand und stopft ihm den Wuschel in den Mund. Dann packt er den nächsten Notenständer und wirft ihn in die Bläser. “Und ihr! Posaunen! Schweine! Wie ihr euch gegenseitig den Speichel auf die Schenkel leert. Ich muss kotzen! Und mein gekotze klingt immer noch besser als euer Getröte!” Er krallt sich bei Bratsche in den Haaren fest und als er “Getröte” lallt, reisst er ihr den Büschel aus. Er trampelt durch die Streicher, die drücken sich ihr Instrument selber in die Nase, reisst im vorbei gehen Silvye die Violine aus der Hand und wirft sie über die Schulter nach hinten, stösst die Harfe um und verlässt den Raum mit einem lauten “Scheisse! Das ist einfach Scheisse!”. Silvye holt ihre Geige. Es verschieben sich ein paar Stühle, soweit sie Spielraum haben. Einige stehen auf und schütteln die Beine. “Das war echt schrecklich”, sagt Trompeter Rolf später zu Trompeter René, “aber ich hab schon vorher gedacht, die Pauke taugt nichts.”

Oct

5

Basel

October 5, 2008 | Leave a Comment

Im Bahnhof steht ein Zug, da sitzt er drin. Im unteren Abteil weil er schwere Koffer hat. Und weil er sie mit ins Abteil nahm, sitzt er jetzt zusammengeknüllt in der Ecke und lehnt seinen Kopf ans Fenster. 10 Minuten später wird das Fenster immer grösser, die Scheibe scheint sich um ihn herum zu krümmen, der Rahmen fällt hinter ihm ins Abteil und langsam schwebt er aus dem Zug in die Bahnhofshalle. Der Sog wird immer stärker. Er wird durch die Halle geschleudert, hin und her unter dem Dach. Mehrmals schlägt er mit voller Wucht auf, schlägt blutend um sich. Sein Kopf knallt an die Metallverstrebungen, er fuchtelt mit den Händen, versucht, irgendwo Halt zu finden. Er wird wütend und schlägt um sich. Aber von überall her prellen die Stangen und Schienen an seinen Körper. Sein Haar ist dunkelrot, seine Arme und Beine schmerzen wie ein hoher Ton. Dann stürzt er auf das Perron. Er schreit aus vollem Hals, flucht, schnauft. Ein Zug fährt ein. Er springt vor ihm auf das Gleis, brüllt so laut er kann und tritt mit seinem Fuss gegen die Lokomotive, die hornend auf ihn zukommt. Sie schlägt auf. Die Zugwagons beginnen sich jaulend aufzutürmen, verkeilen sich schneidend ineinander. Dann steht plötzlich wieder alles still. Er zieht seinen Fuss aus dem Wrack und fällt erschöpft auf die Schienen. Er schaut nach oben, dann kracht die Halle ein. Zuerst verändert sich die Decke wie ein Bild, das über eine Flamme gehalten wird. Dann scheint das Licht durch die auseinanderfallenden Bruchstücke. So hell wird es, dass er nichts mehr sehen kann. Er schliesst die Augen. Die roten Blutadern in seinen Lidern züngeln sich brennend in sein Auge. Dann spürt er, wie sich langsam ein weicher Körper auf ihn niederlegt.

Aug

27

Antoinette Zeller

August 27, 2008 | 4 Comments

Antoinette Zeller kriegt mit wenig Haar viel Volumen hin. Ihre strähnige Pracht ist weiss und durchsichtig. Schön wäre eine Kristbaumkugel in der Mitte. Aber Antoinette Zeller ist selbst schon eine Kristbaumkugel. Mehr beige als gold, mit einem weissen Gurt um die dickste Stelle. Sie passt in den Sonntagsverkauf vom Globus Mitte Dezember aber auch in den Ausverkauf vom Conforama Mitte Januar.

Ich glaube sie fühlt sich nicht mehr sehr wohl in diesem trägen Leib. Es ist kein kranker zwar, aber halt auch keiner, mit dem sie noch viel anstellen will. Sie sitzt mir im Bus gegenüber. Würde sie wirklich Antoinette Zeller heissen, dann wäre sie mit 21 mit ihrer Freundin Lis in Paris gewesen. Da hätte sie Dinge gemacht, die sie später nie mehr wiederholte. Und sie hätte zwei Kinder gehabt und 40 Jahre Ferien im Engadin, Butterbrote, Bettanzüge, Schulpflegesitzungen, Fasnachtskostüme, Lehrstellen, Enkelkinder und Erbvorbezüge und davon, daran denkt sie gar nicht gerne, ist ihr nichts geblieben. Und manchmal würde sie sich fragen, ob sie wohl die einzige sei, die überhaupt noch ab und zu daran denkt.

Und dann bin ich am Albisriederplatz. Was zum Teufel ist eigentlich mit Dir los? Lässt Du wohl diese Frau in Ruhe! Irgendwann sitzt Du auch in diesem Bus und Dir gegenüber rührt sich einer im Kopf die traurigsten Geschichten zusammen und schüttet Dir diese tragische Suppe über den Bauch. Oder Du wirst es zumindest vermuten.

Und dann steht Frau Zeller auf und schnauft. Da muss ich auch grad.

Jul

23

Grosse Erwartungen

July 23, 2008 | 1 Comment

Auch wenn es mir nicht zusteht, ein kurzes Wort zu schwangeren Frauen: Da gibt’s ja solche und solche. Es geht jetzt vor allem um die schwierigen, weil sie begegnen mir grad häufiger. Zum Beispiel am Flughafen. Da war eine Frau im vollgestopften Bus zum Flieger, streckte einer mit Koffern zugepackten Dame ihren Bauch ins Gesicht (für meine Begriffe dritter Monat, wenn überhaupt) und zeigte auf den Sitz. Die Frau schaute Sie ungläubig an und sagte: “Seulement deux minutes, madame! Deux minutes!”. Die Prächtige drehte sich um und flucht kopfschüttelnd vor sich hin. Ich fand die mutige Reaktion der Sitzenden toll. Vorausgesetzt es war Mamma nicht schlecht, aber dann hätte sie das ja sagen oder auf den Boden sitzen können. Ich bin voreingenommen, weil es gibt bei uns in der Firma eine Dame…

Isabelle heisst sie. Isabelle Bolte. Ich glaub das darf man ruhig sagen. Sie will sowieso, dass es alle wissen. Sie legt seit dem ersten Monat ihre Hand auf den Bauch beim herumgehen, am Telefon sagt sie Dinge wie: “Ach, was wollt ich jetzt schon wieder? Ach, ich bin einfach zu schwanger!”, unterschreibt in Mails mit “Isa-belly” und wenn man sie an der Tramhaltestelle trifft, muss sie sogleich absitzen. Grosses Spektakel! Aber es gibt Kinder, die sind das Theater wert, sag ich immer. Man kann nie wissen, was da Weltbewegendes im Saft herumschwimmt. Ich habe mich als Kind zum Beispiel immer gefragt, ob ich es wohl merken würde, wenn ich der Messias wäre. Auf jeden Fall gibt es Marias da draussen, die mir ziemlich auf den Wecker gehen.

Zu den Fragen, die ich mir als Kind gestellt habe, gehört übrigens auch: Wenn mein Vater in der Schulpflege wäre, würd ich mich dann auch so aufführen? Man kann also zusammenfassen, dass es sowohl Müttern wie Vätern nicht gut tut, allzu schwanger zu sein, also auch nach der Geburt. Mamma mia, jetzt lehn ich mich aber weit aus dem Fenster…

Jul

7

Es weint

July 7, 2008 | Leave a Comment

Jetzt wo es wieder regnet, musst’ ich an die EM denken. Und ich vermisse sie irgendwie. Dabei war ich nur beim Finale und bei Deutschland – Portugal auf der Fanmeile. Ich fand’s ganz toll, dass die Portugiesen rausgeflogen sind, weil dann die gutaussehenden Fans auf der Fanmeile traurige Gesichter hatten, und nichts ist rührender als ein schönes, trauriges Gesicht. Grinsend haben alle Nationalitäten die gleichen Fratzen, behaupt ich jetzt mal. Aber wenn Tränen über die gebräunten Wangen fliessen und die leuchtenden braunen Augen glitzern, ach, dann freut, na ja, rührt mich das. Bei den Italienern übrigens nicht. Ich finde, wir Italiener sehen nach verlorenen Fussballspielen wie echte Weicheier aus, denen man sofort noch einmal einen Tritt verpassen möchte. Sei’s drum. Ich heul ja selber auch ganz gerne mal. Wenn ich es zum Beispiel schaffe, mich auf der Strecke zwischen Milchbuck und Schaffhauserplatz zum heulen zu bringen, bieg ich als Belohnung rechts ab und hol mir am Limmatplatz einen Kebab! Aber so was kann man ja niemandem erzählen. Wie die Spässe, die man sich auf der Toilette vor dem Spiegel erlaubt. Oder wenn man alleine im Bett liegt. Übrigens! Diesbezüglich hab ich einen super Tipp! Wenn es ganz dunkel und still ist, bitte mal den Kopf unter die Decke stecken und ganz leise den eigenen Vornamen flüstern. Unbedingt ausprobieren!
 
Ausserdem (1) denk ich gerade daran, wie das Wort ‘Beziehung’ mit ‘beziehen’ zusammenhängt und glaube, den nächsten Blog-Eintrag am Horizont schimmern zu sehen. Manu hat nämlich unser Bügeleisen ‘bezogen’ und nach Frankfurt mitgenommen. Jetzt hab ich mir im Teleshop ein Hand-Dampf-Brusher in der Farbe Lemon bestellt. Und ich stell mir vor, wie in Bolivien ein Bancomat stehen könnte, dessen Display “Danke für Ihre Beziehung.” sagt, wenn man Sprache Deutsch gewählt hat.
 
Ausserdem (2) sitze ich in gekündigtem Arbeitsverhältnis an meinem Pult und redigiere folgenden Satz: “Dabei handelt es sich um eine Technologie, bei der Sprache breitbandig über das doppelte Frequenzband wie vorher übertragen wird.”

Und dabei beschäftigt mich gerade (3) die Verabschiedungszeremonie im Büro, die mir noch bevorsteht. Letzte Woche musste ich nämlich folgendem Gespräch beiwohnen und hab deswegen verständlicherweise etwas Panik:
 
A: Also Du, ich komm die Verabschiedungsrunde machen.
B: Ah ja, Du hast ja schon deinen Letzten.
A: Ja genau.
B: Also dann, alles Gute!
A: Ja *kuss* dir *kuss* auch *kuss* und danke für alles!
B: Ja, Du, gerne!
 
Stille
 
B: Wir hatten ja eigentlich nie viel mit einander zu tun.
A: Nein eigentlich nicht.
B: Ja.
A: Ja.
 
Stille
 
A: Also tschüüss gell, mach’s gut.
B: Jop! Du auch!


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